voll gut, dass du kein Kopftuch tragen musst!

voll gut, dass du kein Kopftuch tragen musst!

Verheiratet mit einem Moslem.

N. und ich sind seit 1 1/2 Jahren verheiratet. Wir kennen uns seit 5 Jahren. Er kam aus Mailand zurück nach Deutschland, während ich eigentlich für einige Zeit weg wollte. Wir haben uns verliebt, sind zusammengezogen, umgezogen, haben uns verlobt und geheiratet. Wir lieben uns und wir streiten uns – wie Paare das nunmal so tun. Aber etwas an uns vermittelt vielen Menschen offenbar den Eindruck, dass wir keine normale Ehe führen (können), das wir anders sind als andere Paare. So stark und emanzipiert wie ich tue, kann ich ja eigentlich gar nicht sein. Denn N. ist Moslem.

Verheiratet mit einem Moslem.

Seit ich mit N. verheiratet bin, ist mein Leben anders. Vermutlich sagen das viele Bräute, wenn sie glücklich verliebt und verheiratet sind. Aber tatsächlich ist mein Leben nicht nur um Glück und Liebe reicher geworden, denn ich darf mir auch regelmäßig Fragen oder Aussagen anhören die ein Paradebeispiel an Naivität, Unwissenheit, Arroganz, Engstirnigkeit und noch vielen weiteren, eher negativen Eigenschaften sind. Diese Fragen hinterlassen bei mir auch heute noch oft ein Gefühl der Verwunderung und ich freue mich euch heute eine Art “Q&A – dumme Fragen die man der Frau eines Moslems stellen kann” zu präsentieren. Have Fun!

Musst du eigentlich kein Kopftuch tragen?

Ich bereue etwas, dass ich nicht von Beginn an eine Strichliste geführt habe – dennoch: diese Frage landet bombensicher auf Platz eins. Neben der eigentlichen Frage höre ich auch öfters noch die erleichterte Aussage “voll gut, dass du kein Kopftuch tragen musst” – so als wäre ich gerade nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen, weil alle Moslems ja üblicherweise ihre Frauen dazu zwingen und ich seit dem Tag der Ehe sicherlich meine eigene Meinung und meinen eigenen Willen abgeben musste.

Isst N. überhaupt Schweinefleisch?

Ernsthaft? Als würde der Konsum von Schweinefleisch etwas über den Charakter oder die Fähigkeiten eines Menschen verraten. Nein, N. isst kein Schweinefleisch. Er findet es eklig. Meine Mutter isst übrigens auch kein Schweinefleisch – sie ist seit vielen Jahren Vegetarierin. Aber da sie blond und blauäugig und ganz nebenbei christlich ist, würde auch nie jemand auf die Idee kommen, sie nach ihrem Schweinefleisch Konsum zu befragen. Und um die nächste Frage gleich zu klären: Ja, ich darf Schweinefleisch essen, wenn ich das denn überhaupt möchte.

Musst du jetzt eigentlich konvertieren?

Ich bin verheiratet mit einem Moslem – aber nein, wieso sollte ich konvertieren müssen? Muss N. konvertieren? Nein! Würde ich mich dem Satanismus zu wenden und 13 schwarze Katzen anschleppen, ein umgekehrtes Pentagram aufhängen und nur noch schwarz tragen, fände er es vermutlich seltsam – aber das hätte mein blonder, abendländischer Ex vermutlich auch getan!

Was sagt seine Familie eigentlich, dass du Christin bist?

Was soll seine Familie denn sagen? “Ihr liebt euch, ihr seid glücklich und wollt heiraten, aber leider finden wir das nicht gut, denn sie ist Christin?” Sorry, wenn ich da jemanden enttäuschen muss, aber tatsächlich hat noch niemand einen Kommentar über meine Religion gebracht. Ihr hingegen löchert mich regelmäßig mit Fragen, weil ihr über eure Vorurteile nicht hinwegkommt. #autsch

Was sagt N. eigentlich, wenn du feiern gehst?

“Liebe Grüße an deine Mädels und viel Spaß Schatz!” Wenn es regnet fährt er mich oder bietet mir an mich abzuholen – denn da ich Alkohol trinken darf (ja, wirklich!), kann ich selbst leider nicht mehr Auto fahren. Fun Fact: der italienische und katholische Lebensgefährte meiner Freundin sieht es nicht so gerne, wenn sie ohne ihn feiern geht.

Er hat aber schon Glück, so einen guten Job zu haben!

Stimmt, er war ein super Schüler und Student, früh selbstständig, spricht fast vier Fremdsprachen fließend und ist in dem was er tut einfach wahnsinnig gut. Er hat schon Glück, in einem Land zu leben in dem man für seine Leistungen bewertet wird und nicht für sein Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder sonstiges. Dieses Glück habe ich auch und du übrigens auch! Danke für diese wertvolle Mitteilungen – hätte sonst fast vergessen, dass wir in Deutschland so etwas wie ein Grundgesetz haben.

Das ist halt einfach die Kultur…

Auch N. und ich streiten uns. Wenn ich mich versuche an die Ursachen unserer letzten Streits zu erinnern, sind es tatsächlich eher Kleinigkeiten und fast schon zu peinlich zum öffentlich teilen. Aber Moment, ich bin ja verheiratet mit einem Moslem – Streit ist also nicht gleich Streit. Denn tatsächlich reagieren einige Menschen gleich mit einem “Das sind halt die unterschiedlichen Kulturen, da streitet man sich einfach” – ohne überhaupt den Grund zu kennen. Ernsthaft? Stellt euch mal vor wir hätten uns gestritten, weil ich dran war mit Wäsche wegräumen und es vergessen habe – “Im Christentum räumt man seine Wäsche halt nunmal nicht weg”. Dumm, oder?

Für einen Ausländer ist er aber sehr eloquent

Neben dummen Fragen gibt es noch eine endlosen Liste an scheinbaren Komplimenten, die allerdings im Grunde nichts als Vorurteile und Rassismus offenbaren. Beispiele dafür sind “Für einen Ausländer ist er aber sehr eloquent” – das ist als würde ich zu jemanden sagen “für eine Blondine bist du aber sehr schlau” – es ist einfach nur dumm. Genauso die ewige Fragerei rund um das Thema Herkunft. “Wo kommst du her?” “Aus Frankfurt”“nein, wo kommst du wirklich her”“ich wurde in Göttingen geboren”“nein, also wo kommst du so richtig her”. N. ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat in Deutschland und Kanada studiert, zahlt in das deutsche Steuersystem ein und jubelt für die deutsche Nationalmannschaft – also hört bitte auf ihn aufgrund seines Aussehens und seines Namens verbal auszubürgern. Danke.

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11 Kommentare

  1. 1. Oktober 2019 / 16:42

    Naja. Ein paar dieser Fragen sind schon dämlich. Bei ein paar anderen kommt es wahrscheinlich auf die beteiligten Menschen an. So hat zumindest die Familie meines Mannes nichts dagegen gehabt, dass er eine Frau heiratet, die nicht in Bayern gebürtig ist. Trotz der Sprachschwierigkeiten!
    Aber was mir nicht aus dem Kopf geht, ist die Kopftuchfrage. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich in meiner Region sehr viele Muslimas sehe, die Kopftuch tragen. Und ich einfach nicht verstehen kann, warum man dies tun sollte.
    Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dich die Fragerei nervt – besonders die ganz dämlichen. Andererseits ist es immer noch besser, wenn die Menschen nachfragen, als auf ihren Vorurteilen sitzen zu bleiben.
    LG
    Sabienes

    • 1. Oktober 2019 / 18:29

      Liebe Sabienes,
      Danke, dass du dir die Zeit für einen Kommentar genommen hast. Das freut mich sehr, auch wenn ich dir leider nicht zustimmen kann.
      Nicht ein paar dieser Fragen sind dämlich, sie sind es alle – da sie nichts als Unwissenheit und Rassismus widerspiegeln.
      Die Kopftuchfrage geht dir also nicht aus dem Kopf – allerdings verstehe ich nicht, was genau die Frage ist? Ja, einige muslimische Frauen tragen ein Kopftuch. Was genau ist daran schwierig zu verstehen? Was daran ruft Unverständnis hervor? Wieso denkst du, steht es uns zu dies zu bewerten? Das sind die einzigen Fragen, die ich mir in dem Zusammenhang stelle.
      Mich nervt auch nicht die Fragerei, sondern die Tatsache, dass wir in 2019 leben aber einige Menschen immer noch nicht über ihre total veralteten Vorurteile hinweg kommen. Das ist nicht nur rassistisch, es ist auch arrogant und statt es zu rechtfertigen, sollte man dafür viel eher Scham empfinden.
      Und nein, rassistische Fragen zu stellen ist nicht besser, als auf Vorurteilen sitzen zu bleiben. Das beste wäre nämlich, gar keine Vorurteile zu haben.
      LG
      Victoria

      • Nima
        2. Oktober 2019 / 23:30

        Ich liebe diesen Artikel!! Und zwar nicht weil ich es so toll finde wie du und dein Ehemann von solchen dummen, primitiven und rassistischen Fragen belästigt werdet, sondern weil endlich jemand das ausspricht womit ich und viele Andere sich schlagen müssen!! Ich bin selber Muslima und in Deutschland geboren. Höre Indie Musik und trinke kein Alkohol. Ziehe mich sehr modebewusst an und esse kein Schweinefleisch. Gehe feiern und faste an Ramadan. Jedesmal wenn ich Menschen kennenlerne heißt es“wo kommst du her?“ … „ne das meine ich nicht, wo kommst du wirklich her??“ „ach, man sieht nicht das du muslima bist“ wobei ich mir dann denke, ok ich wusste nicht das der Islam ein Land ist und wie zum Teufel sollte man als Moslem aussehen?!?! Bei ganz vielen Fragen fasseich mir einfach nur an den Kopf weil mir die Worte fehlen. Ein weiteres Beispiel ist wenn die Fastenzeit anfängt muss man sich auch automatisch darauf einstellen das gewisse Fragen aufkommen werden wie „ wie auch kein Trinken? Aber es ist doch super ungesund“ Man vergisst leider,dass fast jeder mindestens einmal die Woche Alkohol trinkt, raucht oder Drogen zu sich nimmt aber das Fasten ist ja viiiiiiielll ungesünder!Es ist natürlich alles viel schlimmer und fragwürdiger sobald das Wort Islam oder Ausländer in mit Irgendetwas Kombination fällt.

        • 3. Oktober 2019 / 18:43

          Liebe Nima,
          Daaaanke für deine Worte und dass du dir die Zeit genommen hast, auf meinen Text zu antworten.
          Ich kann das so so gut nachvollziehen, ich werde pünktlich zum Ramadan auch immer ausgefragt, wie mein Mann das macht und wieso ich nicht eingreife, wenn er sich selbst gesundheitlich so schadet. Ernsthaft? Als würde mein Mann mit ner Nadel im Arm am Hauptbahnhof rumhängen. Was für eine engstirnige Scheiße!
          und du hast recht. Ich bin halb Spanierin, halb Deutsche – beides christliche Länder aber komplett verschiedene Kulturen und Mentalitäten – da würde ja auch niemand auf die Idee kommen, sie müssten aufgrund ihrer Religion identisch sein. Aber alle über 2 Milliarden Muslime der Welt haben nach Auffassung irgendwelcher verblödeten Rassisten alle den exakt gleichen Charakter und sollten auch alle gleich aussehen.

          Liebe Grüße,
          Tori

    • Nis
      8. Oktober 2019 / 18:49

      Liebe Sabines,

      du musst es nicht verstehen. Nur weil es nicht in deinem Verständnis liegt heißt es nicht, dass man es ständig in Frage stellen kann. Anhänger des IS verstehen auch wahrscheinlich nicht warum ich einen Rock trage. Die sind da umgekehrt überfordert 😉. Des Weiteren darf eine Frau anziehen was sie will, es sagt nicht ob sie gut oder schlecht. Eine Frau mit Kopftuch heißt nicht, dass sie Fanatikerin oder unterdrückt ist und eine Frau ohne mit Rock heißt nicht, dass sie eine Schlampe ist, die man natürlich vergewaltigen darf.

  2. 1. Oktober 2019 / 20:44

    Beim Lesen Deines Beitrags fallen mir Parallelen zu mir ein. Für eine Blinde bist Du aber ganz schön inteligent, spach es, als ich von meinem Abitur erzählte. Oder wenn ich erzähle, dass ich als blinde Frau Kinder habe, kommt garantiert die Frage “Aber Ihr Mann ist doch sehend”? Willkommen im 21 Jahrhundert.

    • 3. Oktober 2019 / 18:31

      Liebe Lydia,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Es tut mir so leid zu hören, mit welchen Vorurteilen du dich rumschlagen musst.
      Bei manchen Menschen fehlen mir echt die Worte.

      Ganz liebe Grüße,
      Victoria

  3. 2. Oktober 2019 / 12:41

    Welcome to the other side Tori! Tut mir Leid, dass du dir seit deiner Hochzeit so einen Scheiss geben musst. Jetzt weisst du wie es vielen leider Gottes seit ihrer Geburt oder das Herkommen nach Deutschland geht 🙁 Ja es ist 2019, aber es werden noch viele weitere Jahre so vergehen, wenn nicht endlich ein offener Dialog stattfindet, in den die Ignoranten bereit sich einzugestehen, dass sie es sind und offen dafür sind neue Denkweisen anzunehmen und alte Muster und Strukturen abzulegen. Denn so bleiben wir momentan die Dauermeckerer, die ständig die Rassismuskeule schwingen und sich über allllleees aufregen, die doch lieber dahin zurückgehen sollen wo sie herkommen, wenn wir nur etwas auszusetzen haben lol.

    Ich komme aus Deutschland. Danke.

    • 3. Oktober 2019 / 18:38

      Liebe Lois,
      ganz ganz lieben Dank für deine Worte und dass du dir Zeit genommen hast, mir zu antworten.
      Was soll ich als blonde und blauäugige schon groß über Rassismus erzählen – ich hätte niemals gedacht, dass so viele Menschen in Deutschland mit veralteten und und rassistischen Vorurteilen durch Leben gehen. Es ekelt mich an und ich schäme mich als Deutsche, dass du und andere so etwas ertragen müsst.

      xx
      tori

  4. 7. Oktober 2019 / 13:26

    Ja, solche Fragen müssen sich nicht nur Moslems und deren Ehefrauen gefallen lassen. „Wo kommst du EIGENTLICH her?“ ist eine meiner „Lieblings“fragen. Vor allem das Nachbohren, wenn ein „Geboren bin ich in …“ nicht hilft. Weil der Dialekt/der Akzent nicht dazu passt. Wie auch? Ein Geburtsort ist der Ort, wo die Mutter sich zufällig befand, als sie ein Baby zur Welt brachte. Aber wer will schon die gesamte Lebensgeschichte erzählen, wenn er oder sie gefragt wird, wo er/sie „eigentlich“ herkommt? „Zuletzt aus M., davor aus L., davor aus W., davor aus C., davor aus W/R, davor aus W/S, davor aus F., davor aus … … …“ – „Ja, aber EIGENTLICH?“ – „Meine Mutter ist geboren in A., ihr Vater in B., ihre Mutter in C., mein Vater ist geboren in D., seine Mutter in E., sein Vater in F.“ Und so weiter. Nicht alle Menschen haben eine stationäre Biografie. Lebens- und auch Kindheitsstationen können sich auf verschiedene Orte verteilen, und auch die „stärkste Sprache“ muss weder die (Haupt-) Sprache der Mutter noch diejenige des Vaters sein. Aber Menschen suchen nach Schubladen, um ihre Mitmenschen einfacher und pauschaler zuordnen (und wegräumen?) zu könne.

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